Beautiful Pulsating Web
Laura Põld
In ihren neuen Textil- und Keramikarbeiten in der Eva-Kahan-Stiftung setzt Laura Põld ihre langjährige Auseinandersetzung mit alternativen Formen des Erkennens fort. Sie geht über die vorherrschende Annahme hinaus, dass Denken mit der menschlichen Wahrnehmung beginnt und endet, und räumt Pilzen und Pflanzen Eigenwirksamkeit ein. Ihre großen, handgetufteten Teppiche und skulpturalen Keramikensembles sind bevölkert von wuchernden Rhizomen, hybriden Pflanzenkörpern und Öffnungen, die sich wie wachsame Poren verhalten und die hartnäckige Fiktion durchbrechen, dass Erkenntnis ein menschliches Monopol sei.
Die Organismen in Põlds Werken wirken vage vertraut, tragen jedoch ein Element des Unheimlichen in sich. Figuren, die wir gewohnt sind als passiv zu lesen oder einfach als zu langsam, zu weit entfernt von unseren sprachlichen und wahrnehmungsbezogenen Rahmen, um als Akteure wahrgenommen zu werden, werden hier mit eigener Autorität ausgestattet. Ihre Blicke und gelegentliche menschenähnliche Details wie Füße und Augen treten durch Löcher, Fasern und verzweigte Fäden hervor. In ihrer verstreuten, nicht auf den Menschen ausgerichteten Präsenz verweisen sie auf das, was Michael Marder als „Pflanzendenken“ bezeichnet: eine Form des Denkens, die sich ohne die vertrauten Koordinaten menschlicher Kognition, Bildsprache oder Intention entfaltet. Anstatt als passive Formen zu erscheinen, wirken diese Organismen wie aktive Gesprächspartner, Wesen, deren ahrnehmungsfeld das des Betrachters trifft und so die Vorstellung durchbricht, dass das Betrachten ein einseitiger Austausch ist.
Die Denkweise der Ausstellung ist untrennbar mit ihren Materialien verbunden. Põld arbeitet oft mit handgefärbter Naturwolle, die sie von Freunden, Bekannten und Mitwirkenden erhält, sowie mit im Handel gekauften Garnen, die in ihr materielles Ökosystem einfließen. Die Fasern reichen von hochwertiger handgefärbter Wolle bis hin zu synthetischen, fast plastikartigen Garnen aus der Sowjetzeit, die sie bewusst miteinander vermischt. In diesem Sinne sammelt Põld Wolle ähnlich wie man Pilze sammelt: Sie sammelt, sortiert, prüft und spürt die in das Material eingewebten Geschichten. In der nordisch-baltischen Tradition trägt Wolle ihre eigenen Mythologien und Alltagswissen in sich, verbunden mit Vorstellungen von Schutz und Schicksal, präsent in Gürteln, Kopfbedeckungen und Grabtüchern und über Generationen hinweg weitergegeben durch die Muster und saisonalen Praktiken des Spinnens und Webens. Es ist ein Material des Schutzes und der Ausdauer: Es speichert Wärme in der Kälte und schützt im Sommer vor Hitze. Eine anpassungsfähige Faser, geformt durch Klima und Tierhaltung. In einer Zeit ökologischer Unsicherheit bietet ihre thermische Intelligenz eine Logik des Überlebens durch Anpassung statt durch Ausbeutung.
Die Herstellung der Werke spiegelt ihren konzeptuellen Rahmen wider. Põld arbeitet mit Handwerksspezialistinnen zusammen, oft Frauen verschiedener Generationen, die sich in ihrem Atelier versammeln, um die großformatigen Stücke zu tuften, zu nähen und zusammenzusetzen. Diese Treffen fungieren als Formen kollektiver Weltgestaltung: Räume gemeinsamer Arbeit, des Austauschs und der Weitergabe von Fertigkeiten. Wissen zirkuliert horizontal, ähnlich wie Myzel-Netzwerke unter dem Waldboden.
Põlds Auseinandersetzung mit post-anthropozentrischem Denken versinkt nicht in dystopischem Pessimismus. Während ihre Werke die Grenzen einer menschlichen Rationalität aufzeigen, die sich lange als Herrscher über die natürliche Welt positioniert hat, verfallen sie nicht in apokalyptische Lähmung. In den keramischen Pilzkörpern steckt Witz und sogar Frechheit; ihre gewundenen Ranken und selbstbewussten Posen sorgen dafür, dass man versteht: Sie haben etwas zu sagen.
Pilze, die in den verstrahlten Zonen um Tschernobyl gedeihen und eher dem radioaktiven Licht als dem Sonnenlicht entgegenwachsen, bieten eine kraftvolle Metapher. Das Leben passt sich an, der Organismus findet neue Wege, er findet Nahrung unter unwahrscheinlichen Bedingungen, und so können wir die hartnäckige Kreativität lebender Systeme jenseits menschlicher Kontrolle erkennen.
Die Ausstellung wird kuratiert von Lilian Hiob-Küttis
LAURA PÕLD (geb. 1984) ist eine interdisziplinäre Künstlerin, die im erweiterten Feld der Bildhauerei arbeitet, wo keramische und textilbasierte Werke eine Brücke zwischen skulpturaler Form und bildlicher Oberfläche schlagen. Ausgehend von Mythologie, Folklore und Umweltgeschichte erforscht Põld die Verflechtungen zwischen den Arten und Formen verkörperten Wissens und rückt dabei Praktiken der Fürsorge, des Schutzes und des Überlebens unter den instabilen Bedingungen der Gegenwart in den Vordergrund. Ihre ortsspezifischen Installationen reagieren oft auf architektonische und ökologische Kontexte und schlagen materielle Begegnungen vor, in denen menschliche und nicht-menschliche Akteure koexistieren.
Põld lebt und arbeitet zwischen Tallinn und Wien. Sie hat einen BA in Keramik von der Estnischen Kunstakademie, einen MA in Malerei von der Universität Tartu und einen MA in Skulpturkonzepten und Keramik von der Universität für Kunst und Design Linz. Derzeit arbeitet sie als Gastdozentin an der Estnischen Kunstakademie, Abteilung für Installation und Skulptur. Põlds Praxis bewegt sich fließend zwischen Kunst, Handwerk und ökologischem Denken und umfasst die Wirkmacht der Materialien, langsame Prozesse und die stille Intelligenz des Schaffens als eine Form des Widerstands und der Kontinuität.
LILIAN HIOB-KÜTTIS (geb. 1991) ist Kuratorin und Galeristin mit umfassender internationaler Erfahrung. Zu ihrem beruflichen Werdegang gehört eine langjährige Tätigkeit bei der Temnikova & Kasela Gallery, wo sie neben dem Tagesgeschäft der Galerie für die Koordination bedeutender internationaler Projekte, die Planung und Leitung der Teilnahme an Kunstmessen sowie die Überwachung groß angelegter Ausstellungsproduktionen verantwortlich war. Sie hat einen Master-Abschluss in Kunstgeschichte und Visueller Kultur der Estnischen Kunstakademie.
Hiob-Küttis ist Gastdozentin im Studiengang Kuratorische Studien an der Estnischen Kunstakademie und unterrichtet den Kurs „Das ABC des Kunstsammelns“ an der Open Academy der Akademie.
Sie hat mit einer Reihe führender Organisationen zusammengearbeitet, darunter Synlab, Sunly, die Taad Foundation (Vilnius) und die VKG Group. Zu ihren anstehenden kuratorischen Projekten gehören eine Einzelausstellung von Laura Põld bei der Eva Kahan Foundation (Wien und Budapest) sowie eine Gruppenausstellung im Kai Art Center. Im Jahr 2026 wird sie als künstlerische Leiterin der Kunstmesse Foto Tallinn fungieren.
Laura Põld – Beautiful Pulsating Web
18. März – 29. Juni 2026
Kahan Art Space Wien | Große Pfarrgasse 7, 1020 Wien
Öffnungszeiten:
Mi – Sa 18 – 22 Uhr – und nach Vereinbarung
Der Eintritt ist frei.