MARVELOUS PROBLEMS
Emanuela Lekić
Die neue Gemäldeserie „Marvelous Problems” von Emanuela Lekić ist eine Hommage an die Malerei, in der die Künstlerin die Probleme der Malerei als Medium ebenso untersucht wie deren intellektuelle Konzepte. Sie bezieht sich dabei in erster Linie auf die Vorstellung von Malerei im surrealistischen Sinne – als Reflexion über das Bild, das nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern eine neue Realität erschafft, die auf der feinen Grenze zwischen dem Realen und dem Imaginären entsteht. Ein Gemälde ist keine Wirklichkeit, denn es ist kein Objekt, sondern lediglich die Darstellung eines Objekts, wie Magritte in seinem berühmten Werk La trahison des images1 zeigt. Aus diesem Grund greift die Künstlerin auf den thematischen Fundus des Theaters zurück, der zur Plattform für die Szenen dieser neuen Werkserie wird.
Bevor der eigentliche Malprozess beginnt, erstellt die Künstlerin ein Modell – einen architektonischen Raum, in dem sie die visuellen Elemente von Licht, Schatten, Tonwerten und die Beziehungen zwischen den Motiven beobachten kann. Daraus formt sie die Komposition, in die sie später - während des Malens - die Figuren einfügt. Doch auch diese theatralische Szenografie ist nur eine Darstellung, ein Bild des Lebens – das, was Platon und Aristoteles Mimesis, die Nachahmung der Wirklichkeit, nennen. Inspiriert von Papiertheatern, den im 19. Jahrhundert für die häusliche Unterhaltung verwendeten Miniaturbühnen aus Papier oder Karton, konstruiert Lekić spezifische Szenografien in ihren Modellen, die das Gefühl eines Zufluchtsortes vermitteln – zugleich als sicherer Hafen und potenzielle Falle dargestellt.
Dieses Setting trägt die theatralische Spannung des erwarteten nächsten Moments in sich und ruft die Atmosphäre der italienischen metaphysischen Malerei hervor, etwa der surrealen, irrational-visionären Kompositionen Giorgio de Chiricos, die sich durch Darstellungen verlassener italienischer Plätze oder vergessener Orte auszeichnen. Lekićs Bilder generieren ein gewisses Unbehagen, eine Fremdheit und geisterhafte Stille – wo menschliche Präsenz nur angedeutet ist, etwa durch die fragmentarische Darstellung einer Hand oder eines Gesichts, verweist diese Abbildungen auf die Anwesenheit eines heimlichen Beobachters. Die gleiche geheimnisvolle Stimmung erzeugen Arkaden, Büsten und Skulpturen, die zu Hauptprotagonisten von de Chiricos scheinbar verfluchten Piazzas werden, wo die Figuren – ebenso wie in Lekićs Räumen – ohne Drehbuch, ohne festgelegte Dialoge oder Monologe agieren, blind darauf wartend, dass die Bühnenlichter angehen.
Lekić erschafft mehrere Akte mit verschiedenen künstlichen und unvollkommenen Szenografien und baut damit eine Erzählung innerhalb einer kohärenten und sorgfältig durchdachten Werkserie auf. Auch der Text spielt eine wichtige Rolle, indem er uns zu einer ikonologischen Lesart des Bildes führt. Intermission und Prologue sind Vokablen der Theatersprache, während Marvelous, Oh No und Mine All Mine – die den/ die Betrachterin in eine gespenstische Stille führen - erfüllt von besitzergreifenden Textkonnotationen und der atmosphärischen Spannung von Szenen. Hier wird der/ die BetrachterIn vor ein Dilemma gestellt: Hat das Ereignis bereits stattgefunden, oder steht es noch bevor? Wie viele Beteiligte waren anwesend, wie die drei Zigaretten vermuten lassen? Sehen wir einen Sonnenuntergang oder einen Sonnenaufgang? Und wie gefährlich ist die brennende Zigarette für das Papiertheater, in dem sie liegt?
Diese traumartige Atmosphäre – friedlich und farblich ansprechend, zugleich jedoch befremdlich – verweist klar auf surrealistische Tendenzen, die darauf abzielen, rätselhafte Zustände und Bilder zu schaffen, die den/ die BetrachterIn dazu anregen, sowohl die Darstellung als auch die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Lekić bietet keine einfachen Antworten; vielmehr stellt sie – wie eine meisterhafte Regisseurin – Fragen und findet die Schönheit nicht in der Konkretheit des Bildes, sondern in den Hinweisen, die zu dessen Interpretation einladen.
Emanuela Lekić (1996) ist eine kroatische bildende Künstlerin mit Fokus auf zeitgenössischer Malerei. Sie schloss 2019 ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Zagreb unter der Mentorschaft von Professor Igor Rončević ab. Ihre Diplomarbeit Classroom Faces wurde im Kroatischen Schulmuseum in Zagreb, sowie in der Galerie Decumanus in Krk präsentiert. Nach dem Masterstudium nahm Lekić an mehreren internationalen Residenzprogrammen teil, darunter an der Cité Internationale des Arts in Paris, der New Painting Residency in Leipzig und dem Erasmus+-Mobilitätsprogramm an der Akademie der Bildenden Künste in Prag. Diese Erfahrungen trugen wesentlich zur Weiterentwicklung ihrer künstlerischen Sprache und ihres professionellen Werdegangs bei.
Ihre künstlerische Praxis erforscht die zeitgenössische Figuration durch einen intimen und psychologisch geprägten Zugang zum Porträt und zur menschlichen Figur. Lekićs Werke wurden in zahlreichen renommierten kroatischen Galerien und Kultureinrichtungen ausgestellt. Zu den bedeutendsten Gruppenausstellungen zählen die 5. und 6. Malereibiennale (Meštrović-Pavillon, Zagreb), Situations (35. Jugend-Salon, Forum Gallery, Zagreb), From Y to Z (Oktogon, Zagreb), Erste Fragments 14 (Galerie Kranjčar, Zagreb) sowie die Gruppenausstellung Red and Black (Forum Gallery, Zagreb). Sie präsentierte mehrere Einzelausstellungen in angesehenen Galerien, darunter Night Shift in der Galerie Kortil in Rijeka und im Lauba House in Zagreb, die beide große mediale Aufmerksamkeit erhielten. Ihre Arbeiten wurden in führenden Kunstmagazinen vorgestellt, darunter das kroatische Magazin Kontura und die internationale Publikation Booooooom.
Im Verlauf ihrer akademischen und beruflichen Laufbahn erhielt Lekić zahlreiche Auszeichnungen und Anerkennungen, darunter den Rektorpreis für künstlerisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit, die Auszeichnung des Akademierates für akademische Exzellenz, den Publikumspreis bei Erste Fragments 14, den Lauba Black Tree Award für die beste unabhängige Künstlerin auf der Kunstmesse Nesvrstani, den Ersten Preis der Selbsporträt- Triennale in Samobor sowie den Milan-Tucović-Preis auf dem International Artist Summit in Grožnjan. Ihre Werke befinden sich in privaten und institutionellen Sammlungen in Kroatien.
Die Ausstellung ist kuratiert von Jelena Tamindžija Donnart (1989), schloss 2014 ihr Studium der Kunstgeschichte und Kroatistik an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb ab. Sie erhielt ein Stipendium der Regierung der Republik Frankreich (2012), ein CEEPUS-Stipendium für Forschungsarbeit an der Universität Wien (2014) sowie den Rektorpreis der Universität Zagreb (2013–2014). Während eines ERASMUS-Austauschs an der Universität Verona (2013) verfasste sie eine doppelte Abschlussarbeit an der Universität Zagreb und der Universität Verona.
Darüber hinaus spezialisierte sich Tamindzija Donnart in einem postgradualen Studium am Institute for Cultural Diplomacy in Berlin (2013). Anschließend absolvierte sie Praktika bei Lauba – House for Art and People in Zagreb, in der Peggy Guggenheim Collection und im Amerikanischen Pavillon der Architekturbiennale Venedig, und arbeitete als Kuratorin in Shanghai, China.
Außerdem nahm Jelena Tamindzija Donnart 2022 als eingeladene Kuratorin am Residenzprojekt des CCA Andratx auf Mallorca teil und war als Kuratorin zahlreicher Einzel- und Gruppenausstellungen sowie als Kuratorin und Managerin internationaler Projekte im Museum für Moderne Kunst Dubrovnik tätig (Ahmet Ertug – Point of Vanishment, 2017; Oceans – Werke aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza, 2018; Worlds within worlds – Sophie Erlund, Igor Eškinja, Stephen Kent, Josep Maynou, Mark Požlep, 2023; Andy Warhol – I am from nowhere, Werke aus der Sammlung des Andy Warhol Museum of Modern Art Medzilaborce, 2023; Tony Cragg – Sculpture, 2025).
Seit 2016 ist sie Mitglied und Co-Direktorin des Nomad – Croatian Office for Contemporary Art. Seit 2017 arbeitet sie als Kuratorin am Museum für Moderne Kunst Dubrovnik.
Marvelous Problems war Emanuela Lekićs erste Einzelausstellung in Österreich, die in der Wiener Galerie Kahan Art Space zu sehen war. Die Ausstellung ist nun in der Galerie Kahan Art Space in Budapest zu sehen.
Eröffnung: 11. March 2026 | 18:00
Für die Öffentlichkeit geöffnet: 11. March 2026 – 2. May 2026
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag | 13:00 – 18:00
Adresse: Kahan Art Space Pest | 1072 Nagy Diófa utca 34.